Wie ein Leben gelingen kann

von Erich Wühr

Stand: Mai 2026

Wenn ich gefragt werde, was ich beruflich mache, sage ich manchmal in scherzhafter Absicht, dass ich „Experte für die artgerechte Haltung von Menschen“ bin. Und tatsächlich wird diese Aussage von den meisten Menschen als Scherz verstanden. Aber eigentlich steckt ein wirklich tiefgründiger und wahrer Kern hinter diesem Begriff – die artgerechte Haltung von Menschen: Wir sind Lebewesen, genauer gesagt: „Tiere“. Oder wissenschaftlich ausgedrückt: „Wir sind biologische Systeme“ ...

Bild von Erich Wühr

Wenn ich gefragt werde, was ich beruflich mache, sage ich manchmal in scherzhafter Absicht, dass ich „Experte für die artgerechte Haltung von Menschen“ bin. Und tatsächlich wird diese Aussage von den meisten Menschen als Scherz verstanden. Aber eigentlich steckt ein wirklich tiefgründiger und wahrer Kern hinter diesem Begriff – die artgerechte Haltung von Menschen: Wir sind Lebewesen, genauer gesagt: „Tiere“. Oder wissenschaftlich ausgedrückt: „Wir sind biologische Systeme“. Und genau wie für alle Lebewesen gelten auch für uns unabdingbare und unumgängliche Verhaltensweisen und Lebensbedingungen, in denen sich unsere Lebensqualität und unsere Lebensfähigkeit bestmöglich entfalten können. Aber im wesentlichen Unterschied zu allen anderen Lebewesen können wir weitgehend willentlich, absichtsvoll und eigenverantwortlich entscheiden, wie wir unser Leben führen und wie wir unsere Lebensbedingungen gestalten. Wir bestimmen weitgehend selbst, ob unser Leben gelingt oder nicht.

Diese Argumentation wirft vier Fragen auf:

  • Was brauchen wir von Natur aus, damit unser Leben bestmöglich gelingt?
  • Woran erkennen, dass unser Leben gelingt?
  • Wie kann unser Leben gelingen?
  • Was müssen wir tun, damit unser Leben gelingt?

Lassen Sie mich im Folgenden diese Fragen aus meiner Sicht und meiner Bewertung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnislage beantworten. Ich meine nämlich, dass die vorliegenden Erkenntnisse der Biologie, vor allem der Evolutionsbiologie und der Neurobiologie, der Medizin, vor allem der Lebensstil- und Präventionsmedizin, der Gesundheitswissenschaften, der Psychologie, von allem der Kognitionspsychologie und der kognitiven Verhaltenstherapie, der Ökologie und anderer Wissenschaften hinreichend sind, um diese Fragen sinnvoll und für unsere Lebenspraxis nützlich und umsetzbar zu beantworten.

Was brauchen wir von Natur aus, damit unser Leben bestmöglich gelingt?

Jeder von uns hat eine andere Lebensgeschichte mit unterschiedlichen Prägungen und Erfahrungen. Deshalb unterscheiden wir uns mitunter sehr in Bezug auf unsere Werte. Unsere Werte sind das, was für unsere Lebensqualität und Lebensfähigkeit für wichtig halten; was wir wert-schätzen; was uns wert-voll ist; was uns manchmal sogar einen Preis wert ist; was wir uns vom Leben er-wart-en (hier hat bei gleichem Wortstamm eine Vokalverschiebung von „e“ zu „a“ stattgefunden). Und diese Werte sind die Be-wert-ungsmaßstäbe, mit denen wir die Empfindungen unserer Sinnesorgane be-wert-en. Es gilt das Werteschöpfungsprinzip.

Das Werteschöpfungsprinzip [Wühr und Simmel, 1]

Die Schöpfung dieser erlernten und individuellen Werte ist das grundlegende Motiv jeglichen menschlichen Denkens, Entscheidens und Handelns.

Aber jeder von uns hat andere Werte und eine andere Hierarchie dieser Werte gelernt. Allerdings: Dürfen wir selbst darüber bestimmen, was für unsere Lebensqualität und Lebensfähigkeit wichtig ist? Ja, das dürfen wir. Aber damit ist noch lange nicht gesagt, dass uns die Schöpfung dieser selbstbestimmten Werte auch wirklich in die bestmögliche Lebensqualität und Lebensfähigkeit führt.

Tatsächlich bestimmt nämlich unsere Natur, besser gesagt: unsere Biologie, was für unsere Lebensqualität und Lebensfähigkeit tatsächlich wirksam, wichtig und wertvoll ist. Wir müssen uns unserer Natur und Biologie unterordnen, wenn unser Leben bestmöglich gelingen soll.

Die Wertepyramide [nach Maslow, 1] (siehe Abbildung)

Aus der Biologie und der Psychologie wissen wir ziemlich genau, was wir aufgrund unserer Natur unbedingt brauchen für eine möglichst hohe Lebensqualität und Lebensfähigkeit. Maslow [2] hat dies schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts als „Bedürfnispyramide“ formuliert. Ich möchte diese Erkenntnisse erweitern und von einer „Wertepyramide“ sprechen.

Auf der unteren Ebene der Wertepyramide stehen zunächst die Werte, die für unsere körperliche (physiologische und biochemische) Lebensqualität und Lebensfähigkeit grundlegend sind. Gemeint ist die Versorgung unseres Stoffwechsels mit Materie und Energie (Luft, Wasser, Nahrung und Licht) sowie die Regeneration durch Erholung und Schlaf.

Die nächste Ebene betrifft unsere natürliche Lebenswelt: Hier brauchen wir vor allem Sicherheit (Gesundheit und körperliche Unversehrtheit ebenso wie wirtschaftliche Sicherheit und Eigentum) und Schutz: Wärme (Wohnung und Kleidung) und Hygiene (Sauberkeit und Symbiosen, vor allem mit Bakterien).

Die dritte Ebene betrifft unsere sozialen Werte – das, was in unserem Zusammenleben mit unseren Mitmenschen wichtig ist für unsere Lebensqualität und Lebensfähigkeit. Hier brauchen wir vor allem soziale Zugehörigkeit und Geborgenheit, Wertschätzung, Freundschaft und Liebe sowie Anerkennung und Geltung.

Und schließlich die oberste Ebene. Wir nennen sie die existenzielle Ebene. Sie ist die Ebene, die Sinn und Zweck unserer Existenz bestimmt: Wir alle sind auf der Welt, um das Potenzial zu entwickeln und auszuschöpfen, das von Natur aus in uns angelegt ist. Wir sollen lebenslang lernen und wachsen. Diese Aussagen werden von der evolutionsbiologischen Erkenntnislage gestützt [Wühr, 3]. Also: Auf dieser obersten Ebene der Wertepyramide geht es um die Werte „Selbstverwirklichung“ und „Sinnverwirklichung“.

Abbildung: Wertepyramide – Die natürliche Hierarchie von Werten nach Maslow

Wertepyramide (nach Maslow)

Die Hierarchie der Wertepyramide

Die Wertepyramide bildet nicht nur ab, was wir von Natur aus brauchen, damit unser Leben gelingt. Sie gibt auch eine Hierarchie bzw. Reihenfolge vor, in der wir die Werte der vier Ebenen schöpfen müssen, damit unser Leben bestmöglich gelingt – nämlich von unten nach oben.

Absolut grundlegend und unabdingbar ist die Schöpfung der physiologischen und biochemischen Werte: Ohne Luft können nur wir wenige Minuten überleben, ohne Wasser zwei bis drei Tage, ohne Nahrung zwei bis drei Wochen. Auch ohne Licht werden unsere Lebensqualität und Lebensfähigkeit früher oder später leiden.

Aber nicht nur die Quantität von Luft, Wasser, Nahrung und Licht spielt eine Rolle, sondern auch deren Qualität. Glücklicherweise sind diese Werte heutzutage für die meisten Menschen in ausreichender Menge und Qualität leicht zu schöpfen. Obgleich man leider sagen muss, dass dies noch bei Weitem nicht für alle Menschen gilt und diesbezüglich noch großer Handlungsbedarf besteht.

Erst wenn diese grundlegenden Werte hinreichend befriedigt sind, dürfen wir uns der nächsten Ebene zuwenden und für förderliche natürlich-lebensweltliche Bedingungen sorgen: Auch hier gilt, dass die Schöpfung der Werte Sicherheit, Wohnung, Kleidung und Hygiene für viele Menschen gewährleistet ist. Obwohl auch hier global gesehen noch viel zu leisten wäre.

Wenn auch diese Werteebene hinreichend befriedigt ist, können wir uns der sozialen Werteebene zuwenden. Dies sind die Werte, die wir im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen schöpfen wollen: Soziale Zugehörigkeit und Geborgenheit, Wertschätzung, Freundschaft, Liebe, Anerkennung und Geltung. Und schließlich, wenn auch diese Werte befriedigt sind, geht es uns um Selbst- und Sinnverwirklichung. Dann wollen wir das Potenzial entwickeln und ausschöpfen, das von Natur aus in uns angelegt ist. Dies ist letztendlich Sinn und Zweck unserer Existenz.

Wie gesagt: Es ist von Natur aus in uns angelegt, dass wir die Schöpfung dieser Werte von „unten nach oben“ anstreben: Einem Menschen, der nichts zu essen oder gar zu trinken hat, wird sicher nichts an sozialer Anerkennung oder Selbst- und Sinnverwirklichung gelegen sein. Der von Hunger und Durst betroffene Mensch wird all sein Denken, Entscheiden und Handeln darauf ausrichten, Nahrung und Wasser zu finden oder zu gewinnen – notfalls sogar mit Gewalt.

Das „rechte Maß“ der Werteschöpfung

Neben der Hierarchie der Werteebenen spielt auf jeder Ebene die Quantität der Werteschöpfung eine Rolle: Das heißt: Die Werteschöpfung muss nicht nur in der richtigen Reihenfolge, sondern auch im „rechten Maß“ erfolgen. Zum Beispiel beeinträchtigt ein Zuwenig an Nahrung unsere Lebensqualität und ebenso ein Zuviel an Nahrung. Der Mangel an Nahrung ist nur unmittelbar schädlicher.

Ebenso wichtig ist im Zusammenhang mit dem „rechten Maß“ auch das Phänomen, dass wir mit einem Übermaß an Werteschöpfung auf der einen Werteebene nicht ein Defizit auf einer anderen Werteebene kompensieren können. Zum Beispiel können wir uns nicht mit einem Übermaß an Geld soziale Anerkennung oder sogar Lebenssinn „erkaufen“.

Wir können also aufgrund dieser Erkenntnisse bewerten, in welchem Ausmaß unser Leben gelingt oder nicht: Schöpfen wir die Werte der unabdingbaren Wertehierarchie in der richtigen Reihenfolge (Hierarchie der Werteebenen) und schöpfen wir sie im rechten Maß (Mangel oder Übermaß)? Wir haben dazu den „Fragebogen Wertemotivierter Lebensstil“ entwickelt, mit dem Sie sich selbst bewerten können: Sie können sich diesen Fragebogen hier herunterladen.

Woran erkennen, dass unser Leben gelingt?

Auf diese Frage gibt uns die Neurobiologie nützliche Antworten. Sie beschreibt unser so genanntes (Motivations- und) Belohnungssystem: Wann immer unser Gehirn durch sein Wahrnehmen, Denken, Entscheiden und Handeln die natürlichen Werte schöpft, belohnt es sich selbst mit der Ausschüttung von bestimmten Botenstoffen. Weil wir diesen Gehirnzustand dann als Wohlbefinden und hohe Lebensqualität wahrnehmen, heißen diese Botenstoffe im Volksmund auch „Glückshormone“. In meinem Artikel „Glücks-Hormone – Achtung Suchtgefahr“ habe ich das Belohnungssystem etwas ausführlicher beschrieben.

Die moderne Neurobiologie kennt (mindestens) zwei Formen dieses Wohlbefindens: Das hedonische Wohlbefinden (die Hedonie) und das eudaimonische Wohlbefinden (die Eudaimonie).

Das hedonische Wohlbefinden ist am besten mit dem Wort „Lust“ zu beschreiben. Ein solches Lustgefühl tritt sehr schnell ein, wenn wir einen Wert auf den unteren Ebenen der Wertehierarchie schöpfen. Es klingt aber auch sehr schnell wieder ab und braucht deshalb die Wiederholung. Im Laufe der Zeit stumpft es sogar ab, und wir brauchen immer stärkere Reize, um diese Bedürfnisse zu befriedigen und diese Lustgefühle zu erfahren. Unter Umständen kann diese Eigenschaft der Hedonie sogar zur Sucht führen. Zum Beispiel die Sucht nach Süßem, die Sucht nach Anerkennung und Geltung oder die „Social-Media-Sucht“.

Das eudaimonische Wohlbefinden erreichen wir durch die Schöpfung der Werte auf der obersten Ebene der Wertepyramide – „Sinnverwirklichung“ und „Selbstverwirklichung“: Der Zustand der Eudaimonie ist geprägt von Sinnhaftigkeit. Sie entsteht durch persönliches Wachstum und dem Anstreben und Erreichen bedeutender, sinnhafter Lebensziele. Das eudaimonische Wohlbefinden ist nachhaltiger und intensiver als die flüchtigen und abstumpfenden hedonischen Lustgefühle. Die Eudaimonie ist „das wahre Glück“. Nur wenn wir im Zustand der Eudaimonie sind, können wir von einem wirklich gelingenden und sinnerfüllten Leben sprechen.

Aber die Eudaimonie ist auch mit Anstrengung und täglichem Bemühen verbunden. Deshalb lassen wir uns nur allzu leicht vom schnellen und oft mühelosen hedonischen Lustgewinn verführen und vernachlässigen die Eudaimonie. Dann fehlen unserem Leben Bedeutung und Sinn – und Viktor Frankl spricht dann in seiner Logotherapie (von „Logos“ – der Sinn) davon, dass viele „Menschen am fehlenden Sinn in ihrem Leben leiden“.

Nun können wir unsere Eingangsfrage beantworten: Wenn wir im Zustand der Eudaimonie sind, erkennen wir, dass unser Leben gelingt.

Wie kann unser Leben gelingen?

Die Natur hat uns mit allem ausgestattet, was wir brauchen, damit unser Leben gelingen kann – vor allem mit dem dazu notwendigen Gehirn. Tatsächlich sind es unser Verstand und unsere Vernunft, die wir einsetzen müssen, um lange und sinnerfüllt zu leben bei bestmöglicher Lebensqualität und Lebenszufriedenheit.

Leider ist unser Gehirn nicht von Geburt an mit Verstand und Vernunft „gesegnet“. Wir müssen ein artgerechtes, unserer Natur entsprechendes Verhalten erst lernen. Dazu brauchen wir bestimmtes Wissen und bestimmte Fähigkeiten, aber vor allem die richtigen Einstellungen und Überzeugungen (= „Mindsets“). Kurz gesagt: Wir brauchen eine artgerechte Bildung.

Es gibt aber noch weitere Bedingungen für ein gelingendes Leben: Wir brauchen die private und berufliche Lebenswelt, in der sich unser artgerechtes Verhalten wirksam entfalten kann. Die Beschaffenheit unserer Lebenswelt ist stark abhängig von äußeren gesellschaftlichen und natürlichen Bedingungen, deren Gestaltung nur teilweise in unserer Macht steht. Sie ist allerdings heutzutage weit mehr von uns beeinflussbar als in früheren Zeiten.

Das Wissen und die Techniken für artgerechtes Verhalten und für die artgerechte Gestaltung unserer Lebenswelt sind hinreichend bekannt – in der Psychologie, Neurobiologie, Lebensstilmedizin und anderen Wissenschaften. In unseren Workshops, Online-Kursen und unserer EmotioBalance-App vermitteln wir solche Kompetenzen.

Was müssen wir tun, damit unser Leben gelingt?

Wir brauchen also eine artgerechte Bildung von Verstand und Vernunft, damit unser Leben gelingen kann. Das heißt: Wir müssen – am besten von klein auf und dann ein Leben lang – das notwendige Wissen, die notwendigen Fähigkeiten und die notwendigen Einstellungen und Überzeugungen lernen.

Aber mit dem Lernen allein ist es nicht getan. Wir müssen auch in die Umsetzung unserer erlernten Kompetenzen kommen und tagtäglich und lebenslang an unserer Lebensqualität und Lebenszufriedenheit arbeiten. Diese Arbeit kann uns niemand abnehmen. Wir müssen sie selbst und eigenverantwortlich leisten. Aber Hand auf’s Herz: Gibt es eine schönere Arbeit als die Arbeit an einem gelingenden Leben?

Literatur

[1] Wühr E und Simmel M (2009). Charisma in der Patientenführung: Wissenschaft und Kunst im Umgang mit Patienten, Verlag Ganzheitliche Medizin, Bad Kötzting

[2] Maslow A (1981). Motivation und Persönlichkeit. Rowohlt Verlag, Hamburg

[3] Wühr E (2011). Systemische Medizin. Auf der Suche nach einer besseren Medizin, 2. Auflage, Verlag Systemische Medizin, Bad Kötzting